Jugendbewegung

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Die Jugendbewegung (Deutsche Jugendbewegung, Historische Jugendbewegung) ist ein bezeichnender Begriff für eine Bewegung vor allem junger Menschen, die im wilhelminischen Zeitalter aus der Enge der Gesellschaft ausbrachen. Dies gelang, ausgelöst durch den Wandervogel - Bund für Schülerfahrten, nur weil sie mit dem Einverständnis oder der Duldung von Lehrern und Eltern schnell sehr groß wurde. Sie erstreckte sich, zeitlich gesehen, etwa von 1896 bis etwa 1933/34 in drei auszumachenden „Wellen“. Die Betrachtung dieses Phänomens ist äußerst vielschichtig und lässt immer wieder neue Deutungen zu.

Die drei Wellen

  • Die erste Welle begann bereits 1897 mit dem Wandervogel, der offiziell 1901 als Ausschuss für Schülerfahrten gegründet wurde. Unabhängig davon startete 1905 mit dem Hamburger Wanderverein der zweite Ast der Bewegung. Die Bewegung war eher formlos und rein emotional. Die sinngebenden Bemühungen führten zu Aufspaltungen, ohne sich wirklich von den anderen abzuheben. Bündische oder revolutionäre Gedanken waren nicht vorhanden. Gegen Ende kam die Älterenfrage auf, also was man mit den Jungen machen sollte, wenn sie aus Altersgründen auszuscheiden hatten. Dies sind die ersten Ansätze für die zweite Welle. Die erste Welle wurde vom 1. Welkrieg 1914 bis 1918 erdrückt und der Übergang zur zweiten Welle fand schleichend statt.
  • Die zweite Welle begann endgültig mit Ende des 1. Weltkrieges 1918. Die bündischen Gedanken und die Idee des Lebensbundes kamen auf und gaben der Jugendbewegung neuen Schub. Nun stießen die Pfadfinder dazu, die man genaugenommen ebenfalls als Welle bezeichnen müsste. Pfadfinder und die anderen durchdrangen und befruchteten sich gegenseitig. Allerdings ebbte die Bewegung langsam zu einem netten Freizeitvergnügen ab und blieb in der Bürgerlichkeit stecken. Einige Gruppen versuchten das Steuer herumzureißen. Das gelang nur wenigen – allen voran der dj.1.11 und lösten die dritte Welle aus.
  • Die dritte Welle, die sich ab etwa 1928 bemerkbar machte, wurde im Wesentlichen von der trucht (teut), dem Grauen Corps (fred), dem öjk und, allen voran, der dj.1.11 (tusk) ausgelöst, die mit frischen, neuen, manchmal auch radikalen Ideen und Mitteln die Jugendbewegung noch einmal hochrissen und zu neuer, kurzer Blüte brachten. Diese dritte Welle wurde von den Nationalsozialisten ab 1933 erstickt und in Schritten bis 1934 und dann 1938 nahezu restlos vernichtet. Von der Jugendbewegung war bis 1945 nichts mehr übrig. Aus den jämmerlichen Resten formten sich neue Bünde, denen zum Teil fantastischste Sachen glückten, einige Bünde und Einzelpersonen sind oder fühlen sich immer wieder bewegt, aber die Jugendbewegung endete bereits 1933.

1945 bis heute

Umstritten ist, ob und inwiefern die Jugendbewegung und die bündische Jugend heute noch fortleben. Während Historiker in der Regel einen Schlusspunkt der bündischen Phase in der Eingliederung der freien Bünde in die Hitler-Jugend in den Jahren 1933/1934 sehen – oder spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs –, betrachten sich die meisten Angehörigen der heutigen Gruppen als zeitgemäße Fortsetzung der historischen Jugendbewegung und bezeichnen sich als bündisch und/oder jugendbewegt.

Vom 10. bis zum 14. Oktober 1963 trafen sich 37 Bünde mit über 3000 Teilnehmern zum Meißnerlager 1963 zusammen, um das 50. Jubiläum des Ersten Freideutschen Jugendtages von 1913 zu feiern. In Folge des Meißnertages kam es 1966 zur Gründung des Ringes junger Bünde (RjB).

Auch das 75-jährige Jubiläum der Meißner-Formel wurde auf dem Hohen Meißner gefeiert; vom 12. bis zum 16. Oktober 1988 kamen bis zu 5000 Teilnehmer aus 70 Bünden zum Meißnerlager 1988 zusammen.

Geschichtlicher Abriss

1896 begann Heinrich Hoffmann mit einen aus Schülern des Steglitzer Gymnasiums gebildeten Stenographen-Verein ungebundene Wanderungen durchzuführen. Später unterstützte ihn der Schüler Karl Fischer als Unterführer.

1901 gründete Karl Fischer aus wohlgesinnten Erwachsenen den "Wandervogel, Ausschuß für Schülerfahrten" (A.f.S.). Die Schüler waren nur „Teilnehmer". Als Vorbild dienten die fahrenden Schüler des Mittelalters, die Vaganten. Damit kam eine gewisse sozialkritische Einstellung, verbunden mit einer Ablehnung der Gesellschaftsordnung der Erwachsenen, auf. Besondere Ziele wurden nicht angestrebt, gesungen wurden meist Studentenlieder. Der Drang nach einer geistigeren und „feineren" Richtung im Wandervogel führte zur Auflösung des "A.f.S." 1904; Karl Fischer gründete aber bald darauf den "Altwandervogel" im Gegensatz zum "Wandervogel e.V." der "Abtrünnigen".

1904 begann eine Periode starker äußerer Ausbreitung und vieler Spaltungen. (Altwandervogel, Wandervogel e.V., WV Deutscher Bund, Jungwandervogel mit verschiedensten Zusammenschlüssen und Wiederabtrennungen).

1905 gründete Knud Ahlborn unabhängig von Fischer den „Hamburger Wanderverein" mit eigenen Formen, der zum "2. Ast" der Bewegung wird. Die verschiedenen Bünde arbeiteten nun ihre Eigenarten heraus, die Frage der Zulassung der Volksschüler und Mädchen erregte die Gemüter, die lebensreformerischen Kreise gewannen an Bedeutung, das Volkslied wurde entdeckt (Zupfgeigenhansl von Hans Breuer), der Österreichische Wandervogel entstand.

1911 begannen die Bünde um eine innere Vertiefung und eine Selbsterkenntnis zu ringen, die mehr sein soll als ein unbestimmtes Gefühl. Gustav Wyneken brachte die Fragen der "Jugendkultur" in die Wandervogelbewegung.

1913 führte der Versuch, das Einigende in allen WV-Bünden auszudrücken und damit eine bestimmtere Richtung festzulegen auf dem Hohen Meissner (11.-13.10. 1913, anlässlich einer Jahrhundertfeier zur Völkerschlacht bei Leipzig, die man bewusst nicht "hurrapatriotisch" feiern wollte), zu der bekannten Meißner Formel. Das Problem der älteren Wandervögel begann akut zu werden, die von Hans Blüher aufgerührten Fragen um den Eros und den Männerbund erregten den WV und die Öffentlichkeit.

1914 schnitt der Kriegsausbruch weitere Entwicklungen ab. Die Mehrzahl der Führer meldete sich aus edelsten Motiven zum Kriegsdienst. Während des 1. Weltkrieges fielen etwa 7000 Wandervögel (insbesondere während des bekannten Sturmes bei Langemarck). Es wurde versucht, das WV-Leben in der Heimat und nicht zum Erliegen kommen zu lassen.

1918 bringt der militärische und politische Zusammenbruch der Mittelmächte den WV zum Umdenken, da ihn die äußeren Umstände vor neue Probleme stellte. Dasselbe traf auch für die deutschen Pfadfinder zu, die bisher nicht als jugendbewegt bezeichnet werden konnten. Bei den Wandervögeln äußern sich die Reformbestrebungen z.B. in der Gründung (1919/20) des Geheimbundes der "Nerommen" durch Robert und Karl Oelbermann (der spätere Nerother Wandervogel), den Bestrebungen um den reinen "Jungenbund" (im Gegensatz zum "Jugendbund") und den Gesprächen um Demokratie und Adelsherrschaft. Bei den Pfadfindern begann auf der Tagung auf Schloß Prunn die Abwendung von den alten starren Prinzipien und die Hinwendung zum "Bündischen". Das Pfadfindertum wurde zu einer Lebensanschauung, Franz Ludwig Habbels "Stammeserziehung" (in Anlehnung an den Engländer John Hargrave) wies einen praktischen Weg.

1919 verabschieden oppositionelle, sich bündisch ausrichtende Gruppen, die im Nachgang zum 1. Weltkrieg in und neben dem Deutschen Pfadfinderbund aufbrachen, das Prunner Gelöbnis als Grundlage ihres gemeinsamen Selbstverständnisses unabhängig zur Meißner Formel.

1926 kam es zum "Bund der Wandervögel und Pfadfinder", der sich 1927 den Namen "Deutsche Freischar" gab. Die aus den Nachkriegsumständen entstandenen bündischen Gruppen zeichneten sich durch straffere äußere Formen, größere innere Disziplin und klarere Zielsetzung aus, wenn die Ziele und Wege in heutiger Sicht auch oft sehr eigenartig und nicht gut durchdacht erscheinen müssen. Das Liedgut dieser Zeit kannte viele "Pseudo-Landsknecht-Lieder", viele Soldatenlieder und viele im soldatischen Ton gehaltenen "Sehnsuchtslieder", die fast alle in den Bünden selbst entstehen. Die Verbindung gefühlsbetonter Bewegtheit mit straffer Form und klarerer Zielsetzung ließ die bündische Bewegung weit in die Kreise der Jugendorganisationen und auch der Jugendpflege eindringen. Besonders politische und konfessionelle Organisationen wurden von ihr erfasst (sozialistische Jugend, röm.-kath. "Quickborn" usw.) und gerieten selbst so in Bewegung, dass sie später von ihren Stammgemeinschaften nur schwer wieder zu bändigen waren. Manche Bünde richteten sich politisch aus. Es galt nun als eher ungewöhnlich nicht irgendwie bündisch, als bündisch zu sein.

1928 die Jugend lechzte nach Aktion, was ihnen die Bünde bisher nicht boten oder bieten konnten. So bekam Eberhard Koebel (tusk), zu jener Zeit Führer des Gaues Schwaben der "Deutschen Freischar" seine Bedeutung als Urheber der "3. Welle" der deutschen Jugendbewegung, der Jungenschaften. Für tusk war die Aktion alles, der junge Mensch sei der allein schöpferische, der ältere (schon ab ca. 25 Jahren!) gehört zum alten Eisen. Die Sammlung der Jugend zu dieser Lebensform müsse alle Bünde durchdringen und zu einer allgemeinen deutschen Jungenschaft werden. Als die anderen Bünde sich wehrten, schuf tusk die dj.1.11 und dehnte seinen Einfluss auf viele Bünde und Gruppen aus, ohne jedoch sein Ziel die "Gesamtjungenschaft" zu erreichen. Die darauf zielende "rot-graue Aktion" wurde ein Fehlschlag.

1931 durchdringt tusk mit der dj.1.11 die Pfadfinder.

1933 traf die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus die bündische Jugend eigentlich unvorbereitet und uneinig. Wenige waren sich überhaupt über das Ausmaß der Katastrophe im Klaren, viele hofften, dass die "Reichsjugendführung" wesentlich den Bündischen überlassen werden würde. Im letzten Augenblick und unter massivem politischen Druck wurde der "Großdeutsche Jungenbund" als Einigungsbund gegründet, die Führung übernahm Admiral von Trotha, weil man hoffte, dass seine Person den Nationalsozialisten unverletzlich sei. Man irrte sich. Das letzte Lager wurde durch Hitlerjugend und SA gewaltsam aufgelöst, wiederholte Verbote aller Jugendbünde außer der HJ ergingen, alle Versuche die HJ zu "unterwandern" scheiterten, viele Führer wanderten in Gefängnisse und Konzentrationslager, viele starben, wie Robert Oelbermann im KZ. Nur wenige Bünde schafften es, in der Illegalität das dritte Reich zu überleben.

Literatur

Weblink